Hartzreise oder Mit neuen Augen - Merkwürdige Begegnung mit dem dritten Markt


von wwlichtenberg


Also ich will da an der Endstelle aus der Straszenbahn raus - und bin normalerweise immer als ersterr an der Tuer beim Fahrer, um mit Schwung um die Haltestange noch vor der Fahrerkabine herum die andere Straszenseite anzumarschieren - da ist doch heute so ein Maennlein vor mir an der Tuer.
Verdammt was will denn der da, das ist doch mein Absprungplatz fuer den richtigen Start in den Spurt die hundertzwanzig kalten Meter nach Hause eh! Wie der schon aussieht.

Ach so ein Zeitungsverkaeufer. (Hab ich auch schon mal nen Tag lang gemacht fuer die BZ bei ner Promoaktion zur Weltmeisterschaft.) Komischen Wagen hat der. Aha Berliner Zeitung und Berliner Kurier - Berliner Verlag. Was war jetzt das Komische? Da wird mir klar: der Wagen wirbt auch fuer Berliner Morgenpost, Bild und BZ, also den Konkurrenzverlag Springer. Hm.

Als wir die Endstelle erreichen, sage ich zu mir 'okay, Last geht vor' also soll er gerne als erstes aussteigen. Obwohl er sich nicht so beeilen braucht, wenn ja Springer und Berliner Verlag ihn sowieso bezahlen. Da hievt der seinen fetten Wagen aus der Straszenbahn und zischt 'Verdammt bleib stehen ich muss noch mit!' - womit er den Bus meint, fuer den die Sttraszenbahnendstelle auch Endstelle ist, also auch Startstelle. Der Bus wartet tatsaechlich, ob netterweise seinetwegen oder aus anderem Grunde - das ist nicht ersichtlich. Vielleicht sollte ich anmerken, dass es zu diesem Zeitpunkt etwas nach Mitternacht ist.

Das Maennchen erreicht den Bus also gluecklich mit Mueh und Not und ich fange an nachzusinnen: Ist es das? Kann es sein? Habe ich eine Ich-AG gesehen? Einen doppelt freien Scheinselbstaendigen, der sich nicht nur von Springer, sondern auch gleich noch vom Berliner Verlag ausbeuten lassen darf, weil er selber so nett war, das unternehmerische Risiko auf sich zu nehmen? Einen, der seine Krankenversicherung selber finanziert, sodass keine Arbeitgeberanteile aufkommen? Einen Franchisenehmer mehrerer Herren? Einen gluecklich selbstausbeuterischen Kleinunternehmer, der seinen eigenen Koerper einem Scheiszjob aussetzt? Der von Straszenbahn zu Bus hetzt, weil ihn die Anzahl verkaufter Kaeseblaetter wirtschaftlich dringend interessiert?

Suesz troepfelt das Hartz durch mein Gehirn und ich beginne zu traeumen: Auch ich werde bei Aldi und Lidl Sachen aufkaufen, deren Ablaufdatum am naechsten Tag liegt. Ich werde mit einem Aldi-Lidl-Verkaufs-Rollwagen der Discountlobby von naechtlicher Straszenbahn zum naechtlichen Bus hetzen, um den Menschen das zu bringen, was sie am allernoetigsten brauchen: Industrial Food and Culture! Frueh um 1 Uhr plastikverpackte Jagdwurst im trendigen rosa-grau. Kauft es - oeffnet es - esst es! Es ist ja auch von der Konkurrenz welche im Angebot! Genau die selbe nur mit anderem Etikett! Die Industriejagdwurst von morgen. Noch ganz frisch. Schnell eh sie nicht mehr aktuell ist.

Vielleicht liesze sich da Industrial Food auch mit Industrial Media kombinieren: Ich meine wenn sich das Zeitungsmaennchen zu Tode gehartzt hat, kann ich (AG) doch sein Sortiment mit uebernehmen. Was dabei zB die Ebene des Kunsthandwerks betrifft, ist mir da ein Journalist bekannt, der einerseits ganz brauchbare Artikel und Interviews macht, dessen Muesli-Honig-Baellchen auf linken Demos hingegen auf sehr geteiltes Echo stoszen. Aber jeder Geschmack laesst sich nivellieren, wenn die Profis der Nation alle an einem Strang ziehen. Wie damals 1933, als der marktrelevante Teil der Bevoelkerung staerker nach gleichgeschalteten Medien wie zB Volksempfaenger und Voelkischer Beobachter nachfragte. Dem musste die NSDAP, die ja auch nichts dafuer konnte, zufaellig an der
Regierung zu sein, natuerlich nachkommen. Das wollte der Markt so. Und da kann man auch heute nichts gegen machen!

Da faellt mir ein, der Mann war nicht unbedingt aelter als ich. Und die Jungdynamiker, die per Bauchladen mit integriertem Grill die angeblich Thueringer Rostbratwuerste (sind die wirklich vorgebrueht? - oder doch voll Haltbarkeitsmittelchen?) vorm Bahnhof Friedrichstrasze an den Touristen bringen - die sind doch nicht etwa juenger als icch? Ich dachte immer meine jugendliche Kraft wuerde mir schon weiterhelfen. Aber mit 38 in dieses Rattenrennen einsteigen? Hm. Werde ich alt, unentschlossen, konkurrenzaengstlich? Oder habe ich tatsaechlich auch koerperlich schlechtere Features als die angepassten Modelle? Oder wird einfach nur die Form des sozialen Zusammenlebens immer beschissener? Und koennte das daran liegen, dass die Okonomie, also das Wirtschaften immer marktfoermiger werden? Beziehungsweise dass Wirtschaft und Markt einfach blosz Tarnbegriffe sind fuer die kapitalverfuegende Klasse und deren Unterdrueckungssystem, denen sich alles beugen soll? Fragen ueber Fragen.

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